Vom ersten Funken zur dauerhaften Liebe: Der Übergang vom Verliebtsein zum Lieben.
- Alessandro Gasperi
- 13. Jan. 2025
- 6 Min. Lesezeit

In der Anfangsphase einer Beziehung sprudeln die Emotionen nur so über und alles fühlt sich magisch an. Diese euphorische Verliebtheit, oft begleitet von Schmetterlingen im Bauch und endlosen Gedanken an den anderen, ist ein wunderbarer Zustand. Doch wie gelingt der Übergang von dieser aufregenden Phase zu einer tiefen, dauerhaften Liebe? In diesem Artikel werden wir untersuchen, welche Schritte Paare unternehmen können, um von der anfänglichen Verliebtheit zu einer stabilen, liebevollen Beziehung zu gelangen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Rolle von Oxytocin, dem sogenannten "Kuschelhormon", das nicht nur das exklusive Gefühl von Nähe und Intimität fördert, sondern auch eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung einer langfristigen Beziehung spielt. Finde heraus, wie wir die anfängliche Verliebtheit in etwas Dauerhaftes verwandeln können, das die Zeit überdauert.
Die Kraft der Liebe in einer erfüllten Beziehung
Am Anfang steht die Liebe, wie ein zarter Keim. Mit gegenseitigem Respekt und tiefem Vertrauen wächst sie zu einem starken Baum heran, dessen Äste sich weit ausbreiten und den Himmel berühren. Der Boden darunter wird zum fruchtbaren Garten der Zweisamkeit, in dem das Glück in vielen Farben blüht. Die Früchte gegenseitiger Hingabe sind süß und nahrhaft.
Eine liebevolle Beziehung ist für viele Menschen die Grundlage für ein erfülltes und glückliches Leben. Sie bietet einen sicheren Hafen, in dem man Geborgenheit findet. Gemeinsam kann man den Stürmen des Alltags trotzen und in den zärtlichen Momenten des Zusammenseins die Zeit anhalten.
In meiner Arbeit als Paartherapeut höre ich immer wieder: "Liebe müsste eigentlich reichen". Das ist aus der Sicht der Verliebten verständlich, denn sie sehen sich anfangs in einer unerschütterlichen Einheit mit ihrem Partner und glauben, dass ihre Beziehung unangreifbar ist. Am Anfang ist man völlig hin und weg von allem, was man gemeinsam tut, oder von den Unterschieden. Man will den Partner so akzeptieren, wie er ist, und schaut nicht so sehr auf die Dinge, die einen stören könnten. Aber das ist meistens nur am Anfang so.
Liebe kann man nicht wirklich definieren. Jeder versteht etwas anderes darunter. So individuell wie die Liebe selbst ist auch das Verliebtsein. Kein Mensch und kein Paar erlebt sie gleich. Und doch gibt es Dinge, die sich oft ähneln. Das sieht man beim Verliebtsein und auch später in der Beziehung.
Schon Sigmund Freud verglich das Verliebtsein mit dem Zustand einer Psychose und wies darauf hin, wie dieses intensive emotionale Erleben unsere Wahrnehmung verzerrt und uns in eine Welt entführt, in der wir die Realität durch eine rosarote Brille sehen, oft auf Kosten einer objektiven Urteilsfähigkeit.
Nach dem heutigen Stand der neurowissenschaftlichen Forschung kann Verliebtheit Ähnlichkeiten mit Suchtverhalten aufweisen. Wenn wir in einer glücklichen Beziehung sind, fühlen wir uns wie berauscht, weil im Gehirn Dopamin ausgeschüttet wird, das das Belohnungszentrum stimuliert. Dopamin ist ein Botenstoff im Gehirn, der als "Glückshormon" bezeichnet wird und eine wichtige Rolle bei Belohnungs- und Lustgefühlen, Motivation und Aufmerksamkeit spielt.
Eine erhöhte Dopaminausschüttung führt dazu, dass wir unsere ganze Aufmerksamkeit auf unseren Partner richten und gleichzeitig den Wunsch in uns wecken, für unseren Partner attraktiv zu sein. Andererseits kann es zu Entzugserscheinungen kommen, wenn sich die geliebte Person von uns distanziert.
Überwindung der intuitiven Distanz durch Verliebtheit
Aus evolutionärer Sicht gibt es Gründe, warum wir das Gefühl des Verliebtseins überhaupt entwickelt haben. Der Unterschied zwischen Liebe und Verliebtsein macht dies deutlich. Liebe - dieses intensive Gefühl der Verbundenheit - setzt Vertrautheit und tiefe Kenntnis des Beziehungspartners voraus. Das kann man nur erreichen, wenn man zunächst intensiv Zeit mit jemandem verbringt.
In einer sozialen Gesellschaft wie der unseren ist Distanz intuitiv; wir können und wollen nicht jeden an uns heranlassen, denn Vertrauen ist selektiv. Um aber eine Familie zu gründen und eine Liebesbeziehung einzugehen, müssen wir diese natürliche Distanz überwinden. Hier kommt das Verliebtsein ins Spiel: Es löst in uns ein starkes Bedürfnis nach Nähe zu einem bestimmten Menschen aus, wodurch wir die üblichen Barrieren niederreißen und einen zunächst fremden Menschen in unsere Intimsphäre einlassen - ein Fundament, auf dem wahre Liebe wachsen kann.

Vom Verliebtsein zur Liebe - "Vom Zauber des Anfangs zur Reife der Zuneigung"
Wenn wir uns verlieben, ist das wie ein Feuerwerk der Gefühle, eine Zeit der Intensität, des Abenteuers und der Neugier. Unser Herz scheint zu einer neuen, aufregenden Melodie zu schlagen, begleitet von einer Symphonie von Schmetterlingen im Bauch. In dieser Phase des Verliebtseins stellen wir unsere Gefühle und das Objekt unserer Begierde auf ein Podest - alles scheint möglich, alles scheint makellos.
Doch wie kommt man von dieser Euphorie in die ruhigen Gewässer der Liebe? Liebe ist wie das Einlaufen in einen sicheren Hafen nach einer aufregenden Fahrt durch stürmische Gewässer. Es ist die tiefe Verbundenheit, die bleibt, wenn die erste Aufregung verflogen ist und der Alltag wieder Einzug hält.
Liebe bedeutet, den anderen in seiner Ganzheit zu kennen und dennoch zu sagen: "Ich wähle dich, mit all deinen Stärken und Schwächen". Es ist die Entscheidung, Seite an Seite zu gehen, auch wenn der Weg steinig ist und die Dornen des Beziehungsdickichts nach uns greifen. Liebe ist eine Entscheidung, die Tag für Tag getroffen wird, ein stilles Bekenntnis, das sich weniger in Worten als in Taten ausdrückt.
In der Reife der Zuneigung finden wir Trost in der stillen Gegenwart des anderen, in gemeinsamen Blicken, die mehr sagen als tausend Worte, in unausgesprochenem Verständnis und in einer Schulter zum Anlehnen. Es ist die annehmende, bedingungslose Zuneigung, die eine langjährige Partnerschaft durch die Unwägbarkeiten des Lebens trägt. Die Liebe reift mit jeder Herausforderung, vertieft sich mit jeder gemeinsam überwundenen Schwierigkeit und gewinnt an Kraft mit jedem Augenblick geteilter Freude.
Während also die Verliebtheit oft flüchtig ist, flackernd wie eine Kerze im Wind, ist die Liebe das beständige Leuchten, das nicht erlischt - ein beständiges Feuer, das Wärme, Licht und Orientierung spendet. Sie ist das Fundament, auf dem langfristige Partnerschaften aufgebaut werden, ein sicherer Anker, der im Sturm des Lebens hält. Liebe ist, wenn zwei Menschen gemeinsam voranschreiten, verbunden durch die unsichtbaren, aber unzerbrechlichen Fäden tief empfundener Zuneigung und gegenseitigen Respekts.
Im Gegensatz zu einer Sucht, die nicht einfach aufhört, kann die Verliebtheit von selbst wieder verschwinden. Wenn die erste Verliebtheit zu Ende geht, erlischt sie entweder oder sie entwickelt sich zu einer tieferen, dauerhaften Liebe, die weniger von der anfänglichen Euphorie und mehr von gegenseitigem Verständnis und Verbundenheit geprägt ist.
Das „Liebeshormon“ Oxytocin bindet
Oxytocin, oft als "Bindungshormon" oder "Kuschelhormon" bezeichnet, ist für die Aufrechterhaltung langfristiger Beziehungen von entscheidender Bedeutung. Es fördert Vertrauen und Bindung und sorgt für emotionale Nähe und Stressabbau. Oxytocin wird durch Berührungen und gemeinsame emotionale Erlebnisse freigesetzt und trägt dazu bei, die Bindung zwischen Partnern zu stärken und ein Gefühl gegenseitiger Akzeptanz und Unterstützung zu vermitteln. In der Summe seiner Wirkungen trägt Oxytocin damit entscheidend zur Tiefe und Dauerhaftigkeit von Liebesbeziehungen bei.

Oxytocin wird im Hypothalamus des Gehirns gebildet und von der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) ausgeschüttet. Es spielt eine entscheidende Rolle bei der Geburt und beim Stillen, was bereits darauf hindeutet, dass seine Funktion im Bindungsverhalten tief in unserer Biologie verwurzelt ist. Die Forschung zeigt, dass, wenn wir jemanden umarmen oder küssen, der Oxytocinspiegel ansteigt, was wiederum zu einem Gefühl der Verbundenheit und Loyalität führt.
Interessanterweise ist die Wirkung von Oxytocin nicht auf romantische Beziehungen beschränkt, sondern beeinflusst auch die Bindung zwischen Eltern und Kindern sowie Freundschaften. Man geht davon aus, dass Oxytocin dazu beiträgt, soziale Bindungen zu stärken und den Zusammenhalt in Gruppen zu fördern, was für das menschliche Zusammenleben unerlässlich ist.
Die Produktion von Oxytocin kann auf natürliche Weise erhöht werden, indem man bewusst Aktivitäten und Verhaltensweisen ausübt, die das Wohlbefinden fördern und die zwischenmenschlichen Beziehungen stärken. Einige Empfehlungen, die den Oxytocinspiegel im Körper erhöhen können, sind in der folgenden Übersicht aufgeführt.
Um den Oxytocinspiegel in deinem Körper zu erhöhen, gibt es einige einfache Möglichkeiten:
Körperlicher Kontakt: Umarmungen, Küsse, Sex und sogar Händchenhalten fördern die Ausschüttung von Oxytocin. Solche Gesten der Zuneigung stärken nicht nur die emotionale Bindung, sondern vermitteln auch ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit.
Massagen: Ob eine professionelle Massage oder eine entspannende Massage zu zweit - beides kann zur Entspannung beitragen und gleichzeitig die Produktion von Oxytocin anregen.
Positive soziale Interaktionen: Zeit mit geliebten Menschen zu verbringen oder vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen, kann ebenfalls zu einer erhöhten Oxytocinausschüttung führen.
Gemeinsame Erlebnisse: Aktivitäten wie Tanzen, Sport oder gemeinsames Musizieren fördern das Gemeinschaftsgefühl und können die Ausschüttung von Oxytocin unterstützen.
Empathie und aktives Zuhören: Empathie und aktives Zuhören stärken nicht nur zwischenmenschliche Bindungen, sondern können auch die Ausschüttung von Oxytocin anregen.
Meditation und Entspannung: Praktiken wie Meditation, Yoga und Tiefenentspannung können Stress reduzieren und ein günstiges Umfeld für eine erhöhte Oxytocinausschüttung schaffen.
Lachen und Humor: Gemeinsames Lachen hebt nicht nur die Stimmung, sondern kann auch die Freisetzung von Oxytocin anregen.
Die Oxytocin-Stimulation variiert von Person zu Person und ist von den persönlichen Lebensumständen und emotionalen Zuständen anhängig. Ein achtsamer und liebevoller Umgang mit sich selbst und anderen ist entscheidend, um ein Umfeld zu schaffen, in dem Oxytocin gedeihen kann.
Intimität und Verbundenheit: Der wahre Kern der Liebe
Beachte, dass Beziehungen von vielen Faktoren beeinflusst werden und ein Mangel an Oxytocin nur eines von vielen möglichen Hindernissen darstellt. Außerdem ist die Fähigkeit, Beziehungen einzugehen und aufrechtzuerhalten, nicht ausschließlich hormonell bedingt, sondern hängt auch von den psychischen, sozialen und kommunikativen Fähigkeiten der beteiligten Personen ab.
Einfach ausgedrückt: Liebe beruht auf Intimität. Sie ist das Gefühl einer tiefen Verbundenheit mit jemandem, dessen Eigenarten wir kennen und schätzen. Liebe ist das Gefühl, zu jemandem zu gehören. Verliebtheit hingegen ist die Schwelle davor: ein intensives Bedürfnis nach Nähe zu einem Menschen, den wir vielleicht noch gar nicht in all seinen Facetten entdeckt haben. Natürlich ist das eine Vereinfachung. Denn sowohl "Liebe" als auch "Verliebtheit" sind vielschichtige Begriffe, die individuell interpretiert werden und gerade bei der Liebe ein Spektrum an Nuancen umfassen.

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